



TV-Star und Verwandlungskünstlerin Rita Berlin gewährte am 23. 9. für NT ein Exclusivinterview. Ihre Enthüllungen sind z.T. einmalig!
NT: schön, dass es endlich geklappt hat. Du warst in der letzten Zeit sehr beschäftigt?
Rita: ja, ich hatte mehrere Baustellen zu bearbeiten. Nicht nur meine neue Homepage.
NT: Die ist dafür sehr schön und originell geworden. Aber wie hat das alles mal angefangen?
Rita: wie ist heute schwer zu sagen, aber wann. Mit der Entdeckung des anderen Geschlechts hat mich auch das ganze „Drum und Dran“ interessiert. Das war also zum Zeitpunkt der Pubertät. Wie? Da kann ich nur sagen: es war ein langer und nicht immer gerader Weg.



NT: wie ist das zu verstehen?
Rita:also, bei gradlinigen Entwicklungen bin ich ja prinzipiell sehr skeptisch. Ich habe lange gesucht und weiß vielleicht bis heute nicht genau, wohin ich eigentlich will. Das ist ein Teil des Problems. Bist du nun eine Transe, ein Transvestit, ein DWT, eine DragQueen, ein Crosdresser, ein Hermaphrodit, androgyn oder eine Transsexuelle? Also letztendlich ein TransGender oder wie oder was? Und dazwischen gibt es noch hunderttausend andere Identifikationen, Definitionen und Vorstellungen. Jedoch werden wir alle und immer in irgendwelche Schubladen gesteckt. Ich halte das in dieser Frage aber mehr oder weniger für verhängnisvoll. Es diskriminiert. Schubladendenken nützt eigentlich wirklich nur dem Finanzamt und Relegionsführern - vielleicht auch noch Politikern im Wahlkampf.
Doch was bin ich nun. Ein Ladyboy? Wahrscheinlich ein Transvestit, der ursprünglich vom Männlichen herkommend, alle maskulinen sozial-kulturellen Vorstellungen ablehnt und vielmehr weiblich zugewandte Sichtweisen und Formen bevorzugt... und damit sehr zufrieden und glücklich ist! Außer Machos hat uns die Natur den Verstand gegeben Konflikte friedlich und ohne Gewaltanwendung lösen zu können. Frauen haben dabei noch den unschätzbaren Vorteil über die reine Ratio hinaus intuitiv zu handeln und mit ihrem eigenen Charme Probleme zu sehen. Das hat mich schon immer tief beeindruckt und sollte für uns alle ein Maaßstab sein.
Ich weiß, es ist ein Traum... doch ich leiste mir diesen Luxus.



NT: gibt es eine weibliche Form von Macho?
Rita: nee, die gibt es ja vom Wort her schon nicht. Aber wie wäre es vielleicht damit: Kampflesbe?
NT: oh! Das vertiefen wir jetzt aber besser nicht. Was bist du nun? Das alles jeweils einzeln oder vielleicht beides in einem - Mann und Frau?
Rita: nein, natürlich nicht. Und doch erlebe ich alles so und so. Als Mann und als Rita. Oder höflicher formuliert: als Frau und als Mann. Beides geht. Und es geht gut. Es ist jedenfalls eine gewaltige Bereicherung für mich. Allein die Erfahrung wie du mit längeren Haaren ißt und welcher Lippenstift ein Drei-Gänge-Menü übersteht... Ich befinde mich jedenfalls in einem seelischen und körperlichen Gleichgewicht. Wer kann das von sich schon behaupten?
NT: aber das ist nicht losgelöst von deiner restlichen Welt. Was sagt deine Familie dazu?
Rita: meine Lieben wissen Bescheid. Das ist mir sehr wichtig gewesen, sie einzuweihen. Ich hätte mich sonst nicht so entfalten können und es hätte zwangsfolgend große Probleme gegeben. Wir haben uns arrangiert. Aber das muss jeder für sich selber und sehr individuell regeln. Eine Standartlösung gibt es nicht.




NT: wie lange lebst du denn schon so?
Rita: also, das ist immer eine Frage der Möglichkeiten, die sich bieten. Vor allem, wenn du so wie ich in zwei Welten - die es ja eigentlich gar nicht gibt - lebst. In der Öffentlichkeit zeige ich mich erst seit dem Juni 2005. Die Jahre zuvor habe ich zunächst meine Neigung verdrängt und mich für anormal gehalten. Erst durch das Internet bekam ich Kenntnis von anderen, die ähnlich fühlten und dachten wie ich. So kamen Kontakte zustande, die zunächst überhaupt nichts mit Sex zu tun hatten. Andere mögen da anders aufgestellt sein, aber mir ging es erst einmal darum mich selbst zu finden. Erotik kam dann erst dazu, als sich auch Symphatie einstellte. Aber das ist eine sehr individuelle Frage.




NT: dir ging es also um Kommunikation?
Rita: na nicht nur. Natürlich war und ist das alles auch lustorientiert. Vielleicht gibt es eine Bisexualität, die nicht paralell, sondern temporär verläuft. Erst so und dann andersrum? Ich habe da die verrücktesten Vorstellungen kennengelernt. Vielen geht es wirklich nur um Sex. Die meisten sind jedoch auf der Suche nach Wärme und Geborgenheit, ohne sich darüber im Klaren zu sein, das sie darin auch investieren müssen. Dass sie das nur finden können, wenn sie auch bereit sind selber abzugeben. Aber das findest sich schnell heraus, wie jemand tickt. Es ist so, wie im übrigen Leben. Entweder frau versteht sich oder man sollte sich nicht miteinander einlassen.



NT: da hast du sicherlich viele kennengelernt?
Rita: ja, das stimmt. Am Interessantesten sind ihre Geschichten und Lebenswege. Es unterscheidet uns jedoch nicht im Geringsten von anderen „normalen“ Menschen. Vielleicht sind wir etwas sensibler, etwas empfänglicher für besondere Dinge und Situationen. Not macht bekannter weise ja erfinderisch. Aber ansonsten, ist das alles sehr menschlich!

NT: in der Szene wird gemunkelt, du bist vermögend.
Rita: ach, das wäre ja schön. Nein, bin ich leider nicht. Ich bin in Kleinigkeiten großzügig und helfe mal hier und da. Einige haben das gründlich falsch verstanden. Seit dem stelle ich mich als Mitarbeiterin vom Finanzamt vor. Habe allerdings damit auch gleich weniger Freundinnen…


NT: wo und wie hast du dich so gut schminken gelernt?
Rita: gut? Das kann ich nicht einschätzen. Aber wenn du das so meinst. Mir war es wichtig Blickpunkte zu setzen, die den Betrachter ablenken von meinen anderen Unzulänglichkeiten. Da sind die Augen sehr wichtig. Einige meine Freundinnen meinen, ich sei zu stark geschminkt. Sie haben natürlich Recht, aber ich will ja auch nicht zu einem Bewerbungsgespräch gehen. Überhaupt kommt es immer darauf an, die richtige Mischung und die entsprechenden Proportionen zu finden. Das gilt für alles. Vor allem aber fürs Schminken, die Klamotten und was wir sonst noch so gebrauchen.
NT: meinst du Hormone und die Silikoneinlagen?
Rita: richtige Brüste wären schon schön, aber eine OP kommt für mich nicht mehr in Frage. Hormone nehme ich nicht. Sie sind der Anfang von der Umwandlung und irreversibel. Das sollte sich jede genau überlegen. Ich gehe eben Kompromisse ein. Das Leben besteht doch aus lauter Kompromissen. Oder etwa nicht?



NT: da magst du wohl Recht haben. Dein Outfit ist aber immer genau abgestimmt. Wie machst du das?
Rita: drei Dinge braucht die Frau: Intuition, einen großen Spiegel und ganz ganz viel Zeit. Auch das verlangt Kompromisse.
NT: es gibt Bilder von dir, die dich als Domina zeigen. Hast du diese Neigung?
Rita: ach was heißt das schon, Domina oder Domini? Das sind doch nur Fotos. Und am Ende ist alles doch nur Domino.



NT: bist du schon mal belästigt oder angegriffen worden?
Rita: ab und zu mal verbal. Nicht alle Menschen sind überall gleich tolerant. In bestimmten Ecken und Gegenden lasse ich mich erst gar nicht blicken. Dahin sollte mann oder frau alleine aber erst auch gar nicht hin gehen. Neukölln gehört nicht dazu. Die Gewalt gegenüber Schwächeren nimmt ja leider allgemein zu, wenn ich nur an die Übergriffe auf U-Bahnhöfen denke. Halbwüchsigen in Gruppen und Besoffenen gehe ich besser gleich aus dem Weg. Allgemein sind die Leute aber friedlich. Sie gaffen halt gerne und wenn mir das zu aufdringlich ist, hilft ein Lächeln eigentlich immer. In der Anfangszeit bin ich meist auch in Begleitung von Freundinnen gewesen. Das hat mir ein gewisses Selbstbewußtsein, eine Selbstverständlichkeit meines Auftretens verschafft. Das ist wichtig, weil die Menschen das respektieren und dann auch die natürliche Distanz bewahren.
NT: das klingt einleuchtend. Empfindest du irgenwelche Nachteile?
Rita: nöö... kann ich nicht sagen. Oder doch, einen Nachteil gibt es. Wenn ich in der Warteschlange vor der Damentoilette stehe und das Herrenklo frei ist...
NT: hast du bestimmte Vorlieben?
Rita: schau dir doch meine Bilder an.




NT: eine letzte Frage, wenn du gestattest. Wann wirst du dich von dieser Rolle trennen, wenn das überhaupt geht?
Rita: das ist wirklich schwer zu sagen. Ich bin inzwischen ja schon sehr stark damit verwachsen, ja verwurzelt. Aber wenn irgendwann selbst Photoshop versagen sollte und die Falten nicht mehr wegzuretuschieren sind, dann tue ich das mir und der Öffentlichkeit nicht mehr an. Die Kunst des Lebens besteht ja bekanntlich darin, auch loslassen zu können.
NT: ja, das ist wirklich wahr. Danke für das Gespräch.
Das Interview führte unser Lokalkorrespondent Manfred Kosslowsi.








Auch wenn die Tage langsam wieder länger werden, die kalte Zeit ist noch lange nicht vorbei.
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